2025 gab es für autonome Software genau einen Standard, über den alle sprachen: das Model Context Protocol, mit dem ein KI-System an Fachanwendungen und Datenquellen andockt. 2026 ist daraus ein Stapel aus drei Schichten geworden. Ein Agent, der wirklich Arbeit übernimmt, spricht heute mit Werkzeugen, mit anderen Agenten und mit Webseiten, und für jede dieser drei Verbindungen hat sich ein eigener Standard herausgebildet. Wer gerade entscheidet, worauf eine Anbindung gebaut wird, sollte den Unterschied kennen.
Schicht eins: der Agent und seine Werkzeuge
Die unterste Schicht ist die bekannte. Das Model Context Protocol, ursprünglich von Anthropic, regelt den Zugriff eines Agenten auf Datenbanken, Entwicklungswerkzeuge und Geschäftssoftware. Seit dem 9. Dezember 2025 gehört es nicht mehr einem einzelnen Anbieter, sondern der Agentic AI Foundation der Linux Foundation. Wie viel diese Trägerschaft für die Planungssicherheit einer Integration bedeutet, haben wir im Beitrag vom 15. August beschrieben.
Die Verbreitung ist inzwischen die Grundlage, auf der die anderen Schichten aufsetzen. Anthropic nennt über 10.000 aktive öffentliche Server nach diesem Standard und mehr als 97 Millionen monatliche Downloads der zugehörigen Bibliotheken. Unterstützt wird das Protokoll von ChatGPT, Gemini, Microsoft Copilot, Cursor und Visual Studio Code. Für ein Unternehmen heißt das: Wer seine eigenen Systeme über diesen Standard zugänglich macht, öffnet sie für alle diese Werkzeuge zugleich, nicht für eines allein.
Schicht zwei: Agenten, die miteinander reden
Die zweite Schicht ist 2026 dazugekommen und beantwortet eine andere Frage. Ein einzelner Agent kommt an seine Grenze, sobald eine Aufgabe mehrere Zuständigkeiten berührt. Ein Agent für die Buchhaltung, einer für den Einkauf, einer für den Versand: Damit die zusammenarbeiten können, ohne dass jemand sie fest miteinander verdrahtet, braucht es eine gemeinsame Sprache für Übergaben.
Diese Sprache heißt Agent-to-Agent, kurz A2A. Google hat sie im April 2025 vorgestellt und später an die Linux Foundation übergeben. Im April 2026 erschien Version 1.0, mit signierten Agent Cards, über die ein Agent seine Identität und seine Fähigkeiten nachweisbar bekannt gibt, bevor eine Aufgabe delegiert wird. Hinter dem Standard stehen unter anderem Amazon, Cisco, Google, Microsoft, Salesforce, SAP und ServiceNow. Nach Angaben aus dem Juni 2026 setzen über 150 Organisationen A2A im Produktivbetrieb ein, Entwicklungsbibliotheken gibt es in fünf Programmiersprachen. Ein konkurrierender Ansatz von IBM ist im August 2025 in A2A aufgegangen, was die Zahl der zu berücksichtigenden Standards eher senkt als erhöht.
Die eigentliche Neuerung 2026 ist nicht ein besseres Modell, sondern die Einigung darauf, wie zwei Systeme sich ausweisen, bevor sie einander vertrauen.
Schicht drei: der Agent auf einer Webseite
Die dritte Schicht ist die jüngste und noch nicht fertig. Bislang bedient ein Agent eine Webseite so, wie ein Mensch es täte: Er liest die dargestellte Seite und klickt sich durch. Das ist langsam, teuer und bricht bei jeder Layoutänderung. WebMCP, seit Februar 2026 als Vorschau in Chrome Canary und auf dem Standardisierungsweg beim W3C, dreht das um. Eine Seite beschreibt ihre Funktionen dann strukturiert, sodass ein Agent sie direkt ansprechen kann, statt sie zu erraten. Getragen wird der Entwurf von Google und Microsoft.
Rundherum bilden sich kleinere Konventionen für dasselbe Ziel: eine Datei namens llms.txt, die einem Agenten sagt, welche Inhalte einer Website für ihn gedacht sind, eine Datei agents.md für maschinenlesbare Hinweise, und Verfahren, mit denen sich ein gutartiger Bot gegenüber einer Seite ausweisen kann. Keine dieser Konventionen ist Pflicht, aber sie zeigen, in welche Richtung sich das Web für automatisierte Besucher öffnet.
Was das für eine Entscheidung heute bedeutet
Drei Schichten klingen nach dreifachem Aufwand, sind es aber nicht. Die meisten Vorhaben brauchen zunächst nur die erste: die eigenen Systeme sauber über das Model Context Protocol zugänglich machen. Das ist der Schritt mit dem größten Nutzen und dem geringsten Risiko, weil dieser Standard verbreitet, stabil und herstellerneutral ist. Die zweite Schicht wird erst interessant, wenn mehrere Agenten wirklich getrennte Aufgaben haben. Die dritte ist heute vor allem eine Richtungsanzeige und noch kein Fundament, auf das man baut.
Die nüchterne Lesart bleibt dieselbe wie in den Monaten zuvor. Standards entscheiden nicht darüber, ob ein Agent zuverlässig arbeitet. Wie oft autonome Abläufe in der Praxis noch abbrechen, haben wir im Beitrag vom 13. August gezeigt, und woran gute Leitplanken hängen, im Beitrag zu Guardrails. Der Protokoll-Stack macht das Zusammenstecken einfacher und dauerhafter. Er nimmt niemandem die Arbeit ab, zu prüfen, ob am Ende das Richtige herauskommt.